„Frühchen und Wunder – das ist eins“

Der 17. November ist der Internationale Tag des Frühgeborenen Kindes. Im Perinatalzentrum des Klinikums Lippe werden jedes Jahr ca. 200 Frühgeborene versorgt. Auch Marie war hier einmal Patientin und kam noch lange zur Frühgeborenennachsorge.

Marie möchte auch ein Blatt Papier. Während die Reporterin ihre Geschichte aufschreibt, malt Marie eine Blume aus. Sie hält den Stift gut in der Hand, macht Pause, trinkt aus einem Glas und will schließlich raus aus dem Hochstuhl. Sie geht zu ihrer Spielküche und kocht dem Besuch einen „Kaffee“. Marie ist zweieinhalb Jahre alt. Und dass sie all diese Dinge tut, die zweieinhalbjährige Kinder nun einmal tun, ist für ihre Mutter Helena ein kleines Wunder. Eigentlich sogar ein großes.
Denn Marie ist in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen und wog gerade einmal 610 Gramm. Mutter Helena zeigt Bilder von Maries ersten Lebenswochen. Vier Monate hat sie im Perinatalzentrum des Klinikums Lippe verbracht. Und betrachtet man die kleine Hand voll Mensch, die dort verkabelt und mit Atemmaske im Inkubator liegt, so kann man kaum glauben, welch aufgeweckter kleiner Blondschopf einem nun eine Tasse Spielkaffee reicht.
14 Wochen zu früh − darauf waren Helena und ihr Mann nicht vorbereitet. „Ich hatte schon längere Zeit hohen Blutdruck“, erinnert sich Helena. „Dann war ich wieder zur Untersuchung im Krankenhaus. Der Blutdruck war noch einmal gestiegen, und Maries Herztöne wurden immer schwächer. Da sagten mir die Ärzte: Wir müssen das Kind holen. Im Mutterleib habe es eine Überlebenschance von zwei Stunden, auf der Perinatalstation komme es zu 80 Prozent durch.“ Es ging um Maries Leben. Alles musste schnell gehen. Helena bekam eine Vollnarkose, Marie kam gesund auf die Welt, aber natürlich viel zu früh.

Helena und Marie im Mai 2014
Helena und Marie im Mai 2014

Erst zwei Wochen nach der Geburt konnte Helena ihre Tochter zum ersten Mal auf den Arm nehmen und mit ihr kuscheln. Und wenn sie von der Gefühlsachterbahn in den ersten Wochen erzählt, steigen noch immer Tränen in ihre Augen. „Nach drei Wochen musste Marie am Herzen operiert werden. Ich kann den Moment nicht vergessen, als die Ärzte bei uns zu Hause anriefen – früher als geplant. Ich dachte, Marie sei gestorben. Aber alles war gut: Die OP war außerordentlich gut und schnell verlaufen“, erzählt Helena. Die Ärzte und Krankenschwestern hätten ihr überhaupt immer Mut gemacht. Und gefragt, wie es ihr als Mutter geht. Zweimal täglich besuchte Helena ihre kleine Tochter. Dann endlich, vier Monate nach ihrer frühen Geburt, durfte Marie mit nach Hause und wog nun 2.600 Gramm.
„Die Begriffe Frühchen und Wunder gehören für mich zusammen“, meint Helena und blickt auf Marie, die noch immer in der Kinderküche beschäftigt ist und beginnt, erste Wörter zu sprechen. Die ersten zwei Jahre waren Marie und Helena regelmäßig zur Frühgeborenen-Nachsorge im Klinikum Lippe. Und auch jetzt bekommt Marie noch Frühförderung. Nächsten Sommer, mit dreieinhalb, soll sie in den Kindergarten gehen.
Dass Marie lebt und gesund ist, führt Helena nicht allein auf den medizinischen Fortschritt zurück. Da ist noch etwas anderes: „Ich glaube, dass die meisten Frühchen einen wahnsinnigen Willen haben und leben wollen. Sie sind sehr stark.“
Um auch anderen Frühcheneltern Mut zu machen, hat Helena bereits eine Spendenaktion mit einer Strickgruppe aus Barntrup organisiert, die innerhalb kürzester Zeit 200 winzige Socken für die zarten Babys hergestellt hat. Aber auch einen wichtigen Ratschlag möchte Helena weitergeben: „Auf gar keinen Fall sollte man aufgeben, auch wenn es eine schwere Zeit ist.“